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Carmen's Reisetagebuch Kiew Oktober 2012

Carmen Cepon | 21.10.2012

Teil 1 - Friday, 19 October 2012 at 12:57

Donnerstag, 11.10.

Ich komme abends am Flughafen Borispyl an und bin schon ganz gespannt darauf, auf dem Weg zum Hotel am Stadtrand die ersten Streuner an der Strasse zu entdecken. Während der 20minütigen Fahrt sehe ich allerdings keinen einzigen Hund... naja, es ist fast dunkel und morgen auch noch ein Tag.

Freitag, 12.10.

Alex (Oleksiy Kosenkov, Webadmin und Schweizer Vertretung von Asia Serpinskayas Organisation KGTS) ist auch in Kiew und erwartet mich zusammen mit Asia und deren treuester Volontärin Nadiya um 12.00 Uhr an einer Metro-Station in der Innenstadt. Mehr als eine halbe Stunde dauert die Fahrt durch gerade mal die Hälfte Kiews, die Dimensionen dieser 3-Millionenstadt werden zum ersten Mal fassbar. Und wieder habe ich keinen einzigen, freilaufenden Hund gesehen, weder auf dem Fussweg zur Metrostation noch an der Station selbst.

Am Bahnsteig warten bereits alle auf mich, ich bin vor allem auf Asia gespannt, wie sie so "in echt" ist. Sie ist lebhaft, offen, scherzt gerne... man merkt ihr die grosse Last, die sie täglich trägt, überhaupt nicht an! Auch Nadiya ist sehr sympathisch (nebst Alex, den ich ja schon aus der Schweiz kannte), ich fühle mich bei diesen Menschen sofort gut aufgehoben.

Wir fahren mit der Metro zum Stadtrand und von dort aus mit dem Bus erstmal nach Butscha zu Nadiyas Mutter.

In die ukrainischen Busse steigt man erstmal ein und geht unverzüglich nach hinten durch, das Fahrgeld wird von einem Fahrgast zum nächsten bis zum Busfahrer durchgereicht und das Wechselgeld auf demselben Weg zurück. Ein ungewohntes Bild, Schwarzfahren ist hier wohl nicht üblich? "Fast alle Linienbusse werden durch private Firmen betrieben, der Busfahrer würde nichtzahlende Fahrgäste umgehend rauswerfen" erklärt mir Alex.

Wir kommen in Butscha an (noch immer keinen Strassenhund gesehen) und werden von Nadiyas Mama, bei der ich mein Gepäck deponieren kann, sehr freundlich empfangen. Mit Tee und allem, was die Küche hergibt - typisch ukrainische Gastfreundschaft eben!

Der voluminöse Kater, der bei Nadiyas Mutter wie ein eifriger Pförtner an der Türschwelle Gäste mit den Krallen am Passieren hindert, war das erste, von Nadiya gerettete Strassentier. Damals, vor 11 Jahren, gerade mal die Handfläche hatte das kleine Kätzchen gefüllt und begründete Nadiyas Volontärtätigkeit.

Zu Fuss gehen wir weiter zu Nadiyas Haus.

Das kleine Grundstück ist rundum mit mehr als 2 Meter hohen Brettern eingezäunt, das Gebell von 15 Hunden versetzt sicher die ganze Nachbarschaft in Aufregung, denke ich. Hier beherbergt Nadiya jene Tiere, die besonders viel Pflege und Aufmerksamkeit benötigen und deshalb nicht im Tierheim Gostomel bleiben können. Weil dort ein permanenter Mangel an Angestellten und freiwilligen Helfern herrscht.

Kaum, dass das Tor geöffnet ist, schleusen sich 2 Hunde durch die Öffnung nach draussen. Nadiya bringt drinnen erstmal einen grossen, schwarzen Hund (der dem Äusseren nach wohl einen Dobermann im Stammbaum hat) in einen geschlossenen Raum und uns damit vor ihm in Sicherheit.

Nun betreten auch wir das Grundstück, auf dem diverses Baumaterial vergeblich auf helfende Hände wartet.

Sobald wir das Haus betreten, zieht es das gesamte Hunderudel wie durch einen Sog ebenfalls ins Innere.

Nadiya zeigt mir eine Hündin, die als einzige eines kastrierten Rudels von Strassenhunden eine Vergiftungsaktion der Doghunter überlebt hat.

Sie leidet unter starken Zuckungen, ständig knickt ein Bein ein, die ganze Hündin schüttelt es in Intervallen. "Der Tierarzt hier sagt, dass er nichts dagegen machen kann", übersetzt mir Alex Nadiya's Ausführungen. Ich kannte bereits Videoaufnahmen dieser Hündin und verspreche nochmals, eine Ausfuhr nach und Behandlung im deutschsprachigen Raum zu unterstützen.

Auch Katzen hat Nadiya jede Menge, ständig findet sie eine Katze samt ihrem Wurf oder kleine Kätzchen ohne Mutter.

Wir verlassen das Grundstück und fahren mit dem Bus in den Nachbarort Gostomel.

Ein zu Sowjet-Zeiten betriebener Militärflughafen hatte die Grösse und Struktur des Ortes geprägt, was auch heute noch sichtbar ist. An der Busendhaltestelle steigen wir aus und Asia macht erst einen Bogen zu einem grossen Pappkarton im Unterstand der Haltestelle. "Da legen die Leute Tiere hinein, entweder ihre eigenen, abgelegten, oder gefundene. Die Leute verlassen sich einfach darauf, dass wir uns dann schon um die Tiere kümmern!" erklärt Asia.

Auf dem Fussweg zum Tierheim steht auf der anderen Strassenseite ein Schäferhund und springt plötzlich auf die Strasse, um auf uns zuzulaufen.

Asia kann die Hündin gerade noch durch Zuruf davon abhalten, vor einen Laster zu springen. Sie überquert die Strasse und fragt einige Männer, die vor einer Autowerkstatt herumstehen, in scharfem Ton, wem der Hund gehört. Keiner will etwas von der Schäferhündin wissen oder Verantwortung übernehmen. "Wie immer", meint Alex und Asia nimmt die magere, zerzauste Hündin mit. Weil sie vermutlich das Essen in Asias Tasche riecht, trottet sie ganz ohne Aufforderung neben uns her.

Von weitem hört man schwach das Gebell vieler Hunde, das immer stärker wird. Als wir in die lange Einfahrt zum Grundstück des Tierheimes abbiegen, wird die Schäferhündin unruhig. Nadiya hebt sie hoch und trägt die verängstigte Hündin das letzte Stück bis zum Nebeneingang des Tierheimes. Das Hundegebell ist nun, da wir vor dem Zaun stehen, zu einem lauten Getöse geworden. Alex macht sich innerlich auf den insgesamt dritten Angriff eines ihm bereits bekannten Hundes auf seine Jeans gefasst. Zwei Hosen mussten schon dran glauben, aber als wir nun durch das kleine Tor treten, bleibt er verschont. Jede Menge freilaufender Hunde strömen auf uns zu, begrüssen uns freundlich.

Asia führt uns durch das gesamte Aussengelände, um das Gebäude herum. Die Grösse des Geländes ist beeindruckend, ein Zwinger fügt sich an den anderen, am Gebäude und zusätzlich noch an der gesamten Einzäunung entlang. In jedem leben 4 - 5 Hunde, sie machen einen aufgeweckten und zufriedenen Eindruck, gut genährt und - den Lebensumständen entsprechend - gepflegt.

Die mitgebrachte Schäferhündin wird von Nadiya in einen leeren Zwinger gebracht und wir gehen weiter, zur anderen Seite des Geländes.

So unüberschaubar viele Hunde, die meisten springen bellend am Zaun hoch, um wenigstens eine kleine Geste der Zuwendung für sich alleine zu bekommen.

Asia kennt alle ihre Schützlinge und wird überschwänglich von ihnen begrüsst. Wir werden ständig von etwa 15 Hunden begleitet, auch, als wir durchs Gebäude gehen. Ich frage Asia, ob es ein bestimmtes "Auswahlverfahren" gibt für jene Hunde, die drinnen leben und welche im Gelände frei herumlaufen."Jene, für die wir keinen Platz in den Zwingern haben, laufen draussen herum" meint Asia, "und noch mehr Zwinger können wir nicht bauen, weil es auf dem Gelände keinen Platz mehr dafür gibt!"Nun, da ich selbst hier bin, begreife ich die Problematik der Überfüllung des Tierheimes erst so richtig. Mit ein Grund dafür, weshalb man zusätzliche Kessel für die Zubereitung des täglichen Breis für die Hunde anschaffen musste. Wir betreten das Haus und den Raum mit der Kochstelle. Alex macht Fotos von mir und Asia vor den "neuen" Kesseln aus russischem Militärbestand. Beschafft konnten diese im Februar 2012 dank der schnellen Hilfe von Spendern aus dem deutschsprachigen Raum werden, auch die Wasserleitung wurde vor allem durch die "Aktion Fair Play" finanziert.

Teil 2 - Sunday, 21 October 2012 at 16:41

Und weiter geht der Rundgang durch das Gebäude des Tierheimes Gostomel, einer ehemaligen Rinderfarm.

Das Haus ist im grossen Haupttrakt in der Mitte zweigeteilt, auf der einen Seite befinden sich Innengehege (für jene Hunde, die nicht auf der Strasse aufgewachsen und deshalb zu empfindlich fürs Leben im Freien sind) und auf der anderen Seite lümmeln einige Hunde auf alten Sofas, Sesseln und Matten herum.


Ich bin immer wieder - nun noch mehr - erstaunt darüber, wie es Asia schafft, trotz des bescheidenen Budgets nicht nur alle Tiere gut zu füttern und unterzubringen, sondern auch immer weitere Ausbauten und Verbesserungen vorzunehmen.

Sie zeigt uns die neuen, mäusedichten Lagerräume für das Getreide (die Wände sind zweischalig mit Metallplatten innendrin gebaut)


den neuen Waschraum


und natürlich die Katzenstation mit 2 neuen Räumen, die prompt mit Neuzugängen belegt werden mussten.

Der Kamin der Heizung für die Katzenräume funktioniert leider nicht und man diskutiert, ob eine Reparatur sinnvoller ist oder ein Abbruch mit Neubau.


Ich besichtige einen Katzenraum nach dem anderen, die Katzen sind neugierig und zutraulich, man weiss gar nicht, wohin man zuerst schauen soll!


Das Körbchen mit der 11er-Belegung entpuppt sich bei Foto 2 ganz offensichtlich nicht als Notlösung wegen Platzmangels im Raum!


Im neuesten Raum, in dem man noch die frische Farbe riecht, wohnen gleich zwei junge Katzenfamilien zusammen. Eine langhaarige Katze hockt auf der Fensterbank und wirkt depressiv, sie faucht jeden an, der an ihr vorbeiläuft. Die von ihr verstossenen Jungen werden von einer kleinen, schwarzen Kurzhaarkatze mit aufgezogen, die auf einer Matte auf dem Boden einige Babies um sich herum geschart hat. Die anderen Kleinen liegen - bis auf einen Frechdachs, der ständig den ganzen Raum erkunden will - in einer seitlich aufgestellten, ausgepolsterten Kartonschachtel.


Ich reiche Asia eines der Langhaarkatzenbabies, weil eines seiner Augen verschlossen ist. Sie sieht es an, reinigt es - nein, es ist gottseidank nicht blind, nur entzündet. Leider keine Seltenheit im Tierheim, die Kätzchen stecken sich auch gegenseitig an.


Auf der Querseite des Gebäudes, neben dem Büro und der Küche, besichtige ich noch die Krankenstation. Leider konnte ich sie nicht mit regelmässigen Besuchen von Krankenpflegern und Tierarzt beleben, dazu reichten die eingelangten Spenden nicht aus... aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, die Gostomel-Tiere irgendwann medizinisch gut versorgt zu wissen.

Es ist schon spät geworden an diesem Nachmittag, ich verabschiede mich von Asia und Alex, auch von Swetlana, der Leiterin des Tierheimbetriebes. Sie lebt schon seit Jahren im Tierheim, neben dem Büro und rackert sich tagtäglich für einen lächerlichen Monatslohn ab. Die gute Seele!

Ich gehe mit Nadya mit, wir fahren heim zu ihrer Mutter, die mich mit einem ukrainischen Menü verwöhnt. Nadya verabschiedet sich, um ihre eigenen Tiere versorgen zu können und ich setze mich mit dem Laptop des Hauses auseinander. Wenig später kommt Tanya, Nadyas Schwester, von der Arbeit heim.

Wir unterhalten uns auf englisch und Mama Kushnir hält Tanya an, mir eine Frage zu übersetzen. Tanya lacht und meint zu mir, dass es ihre Mutter brennend interessieren würde, wie ich denn ausgerechnet zum ukrainischen Streunerschutz gekommen sei. "Ein Zufall, vor einem Jahr formierte sich eine Initiative gegen die Massentötungen der Strassenhunde. Ich begann mich für den Protest und wenig später, durch den Kontakt zu Alex Kosenkov, für das Tierheim Gostomel zu engagieren." Frau Kushnir lacht, halb erfreut und halb ungläubig. Man sieht ihr an, dass sie schwer begreifen kann, wieso sich jemand aus dem privilegierten, deutschsprachigen Raum für etwas interessiert, das in der Ukraine ein lästiges Übel ist. Nur einige (zumeist) Omas und Studenten setzen sich für die Streuner ein und kümmern sich um sie, ansonsten werden sie ignoriert oder gelten als schmutzige Plage auf den Strassen - die man gerne sauber hätte. Hier in Butscha sind die Strassen besonders gepflegt und sauber... der Gemeindevorstand rühmt sich dafür. Müssig zu erklären, dass ich hier keinen einzigen herrenlosen Hund gesehen habe.

Ich unterhalte mich noch eine Weile mit Tanya, über den Existenzkampf der schlecht verdienenden Mittelschicht und die Barrieren, die Ukrainern den Weg in Urlaubsländer versperren. Die Ukraine lässt gut ausgebildete Bürger wie Tanya, die Bauingenieurin, nicht so ohne weiteres in Länder reisen, wo sie ein Vielfaches ihres Lohnes verdienen könnten. Um die Ausstellung eines Visums muss man zittern. Wie so viele andere Ukrainer stellt Tanya das Klimagerät auf "Heizen", denn die Zentralheizung für die gesamte Wohnanlage wird erst Ende November angestellt. Ich denke an die Meldungen vom letzten Winter zurück, als es in der Ukraine bis zu - 38 Grad kalt war...

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