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Interview mit Asia Serpinskaya zu Streunern und Doghuntern

Unser Kiew (UK) | 02.12.2011

UK: Erzählen Sie kurz über die Situation mit Streuner-Hunden in Kiew. Entsprechen die Berichte über die gezielte Vernichtung von Ihnen der Wahrheit?

Jetzt werden sie nicht von der Regierung, sondern von den Doghunters gezielt vernichtet. Alles in allem ist die Situation in der Hauptstadt anders, als woanders in der Ukraine. Im Mai dieses Jahres ist es uns gelungen, dass die Leiter aller kommunalen Unternehmen, die mit den herrenlosen Tieren zu tun haben – sie einfangen, anmelden und sterilisieren – ausgetauscht worden sind. Jetzt werden die Hinde nur nach Antrag von den Wohnungsämtern und gesellschaftlichen Einrichtungen. Und nachdem sie sterilisiert werden, werden sie zu dem Ort zurückgebracht, wo sie eingefangen wurden. Die Ausnahme ist die Hunde, die auf dem Gelände der sozialen Einrichtungen (Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten, Märtken) eingefangen wurden; sie werden im Tierheim in Borodyanka gelassen. Momentan werden die Tiere in Kiew nicht euthanasiert. In dem Krematorium dieses Tierheimes werden jetzt nur die Leichen verbrannt, die von irgendwo hierhin gebracht werden: vergiftet, vom Auto überfahren, usw.

Und noch vor dem Frühling dieses Jahres, als die Leiterin des Unternehmens für den Fang der Hunde Olga Drozdowa war, war die Situation grundsätzlich ganz anders: diese hat die Stadt tatsächlich „gesäubert“. Das waren keine Fangaktionen, sondern eine Jagd schlechthin. Gefangen wurde alles, was sich bewegte, unter anderem wurden davon auch die Hunde mit Besitzern und sterilisierten Hunde betroffen; verschont wurde keiner. Hunde wurden ein paar Tage in einem Käfig gehalten, und danach wurden die Tiere, die noch überlebt haben (sie wurden oft sehr krank in dem Käfig, bissen sich zu Tode, usw) bewegungsunfähig gemacht und anschließend im Krematorium verbrannt. Damals wurde keiner ernst genommen, man konnte weder das Unternehmen kontrollieren noch seinen eigenen Hunde finden oder rausholen; man wurde fast rausgeschmießen. Aber in diesem Frühling haben die Organisationen durch ihre Demos und dem Kampf für die Hunde es erreicht, dass die Leitung des Unternehmens ausgetauscht wurde. Und der neue Leiter Taras Smurnoj hat uns bis jetzt noch nicht enttäuscht.

UK: Die Doghunters; sind das nur die Wenigen oder gibt es viele von ihnen? Wer sind diese Leute, sind sie Sadisten oder einfacher Bürger, die dieses Problem schon satt haben?

Leider gibt es viele von ihnen. Und das sind ganz unterschiedliche Leute. Übrigens gestern hatten wir ein Rundgespräch zu diesem Problem, und einer der Teilnehmer war ein Doghunter. Er unterhielt sich über die Videokonferenz, und trug eine Maske auf dem Gesicht. Er hat seine Einstellung dazu dargestellt, und man muss sagen, er hatte ziemlich gute Argumente: wenn das Problem mit den Streuner-Tieren nicht von der Regierung gelöst werden kann, wird es von den Freiwilligen gelöst.

UK: Wie viele herrenlose Hunde gibt es jetzt in Kiew, ihrer Einschätzung nach?

Nachdem Drosdowa und die Doghunters die Stadt „gesäubert“ haben, sind nicht viele Hunde übrig geblieben. Sie können es selbst sehen, wenn sie einmal über die ganze Stadt mit dem Auto fahren. An den Strassen entlang kann man kaum 30 Hunde sehen. Es gibt sie nur in den Industriegebieten, Baustellen, großen Parks; da, wo es stille Plätze gibt. Ein paar gibt es noch auf den Märkten und vor einigen Häusern, wo die Menschen sie beschützen. Ich glaube, dass es insgesamt nicht mehr als 3000 Hunde in Kiew übrig geblieben.

UK: Stellen die Streuner-Hunde für die Kiewer Bürger eine Gefahr dar?

Selbst wenn ein Hund jemanden irgendwo, irgendwann anbellt oder, um Gottes Willen, beißt, kann man das mit der Gefahr vergleichen, die zum Beispiel die Autofahrer darstellen? Geschweige denn die Verbrecher! Die Menschen, die Dutzende anderer Menschen getötet haben, nehmen wir als Beispiel Onoprienko oder die Teenagers in Dnepropetrowsk, die die Obdachlosen töteten; wurden diese Menschen erhängt, erschossen? Nein! Wir sind ja menschenfreundlich! Und ein Hund wird nur dafür getötet, dass er möglicherweise jemanden irgendwann beißen könnte!

Das ist eine vorgetäuschte falsche Bedrohung, die von den Tierärzten, Wohnungsämtern und kommunalen Diensten, aber vor allem von den Medien geschickt aufgebauscht wurde. Was die Medien angeht, habe ich da nur eine einzige Erklärung: das ist ein Auftrag. Besonders gibt sich Mühe die Zeitung „Fakti“ [wörtlich „Tatsachen“].

Der Bevölkerung wird bewusst Angst eingejagt. Alle Beamten wissen, dass diese Fangaktionen gutes Geld bringen. Und man muss den Menschen so eine Angst einjagen, dass sie selbst schreien würden, „Kommt zu uns, tötet diese Hunde, hier ist das Geld dafür!“. Aber keiner sagt ihnen, dass die Tötungen keine Lösung sind. Die Hunde wurden über Dutzende Jahre getötet, und das Problem ist immer noch da. Selbst wenn wir jetzt alle Streuner-Hunde in Kiew töten oder in den Tierheimen unterbringen, wird Status quo in der Stadt wieder hergestellt: zum ersten, kommen die Tiere aus den Vororten; zweitens, Hunde werden von ihren Besitzern auf die Straße ausgesetzt; zum dritten, viele Tiere finden sich auf der Straße, wenn ihre Besitzer sterben, umziehen, ein Kind kriegen, usw. Viele, die sich einen Kampfhund-Welpen holen, können mit ihm nicht klar kommen, als er erwachsen wird. Generell ist dieser „Hunde-Boom“ aus den 90er schon längst vorbei. Jetzt werden sogar die reinrassige Hunde auf die Straße ausgesetzt. Im Tierheim in Borodyanka gibt es so viele Pitbulls, Staffordshire Bullterriers, Kaukasischer Schäferhunde! Nun sitzen sie in den kleinen engen Käfigen, mit schlechtem Futter, auf dem nassen Betonboden (die Käfige werden aus dem Schlauch gesäubert), deprimiert, und warten, bis der Besitzer kommt, um mit ihnen Gasse zu gehen; sie sind ja einem geregelten Ablauf des Tages gewohnt! Dort werden sie krank und sterben, weil natürlich keiner einen erwachsenen Staffordshire Bullterrier oder Kaukasischen Schäferhund adoptieren würde. Das ist ein langsamer, qualvoller Tod; besser wäre so einen Hund gleich einzuschläfern.

UK: Welche realistische Lösung sehen Sie in dieser Situation?

Man muss die Ursache dieses Problems finden und beseitigen. Die Aktivisten der Tierschutz-Bewegung der Ukraine sind der Meinung, dass die gesetzlichen Regelungen geändert werden müssen. Man muss das System brechen, in dem alle diese Funktionen auf die örtliche Verwaltung übertragen sind. Mit der Ausnahme von ein paar Städten (Kiew, Odessa und noch zwei-drei anderen) gibt es in der Ukraine nicht mal professionelle kommunale Dienste, die sich mit diesem Problem auseinandersetzen würden. Für all das wurden nicht die Tierärzte oder Diensthundeführer, sondern die Wohnungsämter, Müllarbeiter usw. beauftragt. Und diese lösen das Problem, wie sie Bock haben: in manchen Orten werden sie vergiftet, in den anderen erschossen; und noch in manchen Orten (zum Beispiel in Nikolajew) werden die Hunde durch eine Spritze mit einem kurareartigen Gift vergiftet, das den Atem langsam stilllegt; und zum Beispiel in Donetsk werden sie einfach mit einem Netz auf den Märkten gefangen und mit irgendwelchen Stöcken oder Metallröhren vor aller Augen zu Tode erschlagen. Dann werden die Leichen auf den Mülldeponien begraben oder verbrannt, und die Donetsk wurde sogar eine Bergwerksgrube angemietet, um die Leichen dort abzulagern. Es muss also so sein, dass die kommunalen Dienste die Haushaltsmittel für die Lösung dieses Problems nicht sich selbst bezahlen, sondern den Veterinär-Diensten zur Verfügung stellen würden; und die Tierschützer würden diese Prozesse stellen.

UK: Gibt es in dem Parlament Leute, die ihre Sorgen verstehen und die gesetzliche Regelungen in dieser Richtung ändern möchten?

Nein. Für die Regierung ist es generell uninteressant. Und weil die Regierung sich mit diesem Problem über Jahrzehnte nicht beschäftigt hat und dies als ein Problem sogar nicht sieht, gibt es nun eine Konfrontation in der Gesellschaft: die Menschen haben sich in die Tierhasser und die Tierschützer aufgeteilt. Eine Gruppe trauert um diese Hunde, die andere tötet sie. Und was geht in dem Internet in den Kommentaren zu den Artikeln zu diesem Thema ab! Einige schreien „man muss alle diese Flohschlepper töten!“, die anderen antworten darauf „dich, Idioten, muss man töten!“. Menschen prallen schon auf einander!

Wenn es Stadtbürger gibt, die für das Töten der Hunde sind, muss man die Hunde tatsächlich von den Strassen wegschaffen, ansonsten werden sie zum Opfer der menschlichen Streitigkeiten. Deswegen alle die, die für die Methode «einfangen-sterilisieren-zurückbringen», sind, verstehen müssen, dass die Hunde nur in die Orte zurückgebracht werden müssen, wo kein Tod ihnen drohtь.

Die Situation wird sich nicht ändern, solange erstens, die gesetzlichen Regelungen nicht geändert werden; zweitens, die Hundebesitzer werden nicht rechtlich verfolgt, wenn sie keine Lizenz für den Hund haben oder mit dem Wurf fahrlässig umgehen; und drittens, die Menschen nicht anfangen, an die Frage der Nachzucht der Hunde bewusst heranzugehen: aufhören, die Hunde auf die Strasse auszusetzen, die Welpen rauszuschmeißen oder sie zu den „Zwischenhändlern“ auf den Zoomärkten zu bringen. Und diese, nachdem sie ihr Geld von dem Hundebesitzer bekommen, lassen die Welpen einfach irgendwo, entweder am Straßenrand oder in der Nähe von Wohnhäusern. Brauchst du keine Welpen? Dann pass auf, dass dein Hund sie nicht bekommt!

UK: Die Erfahrung welches Landes ist für Sie in diesen Frage ein gutes Beispiel, dem man folgen sollte?

Man muss uns mit einem Staat vergleichen, der uns gleich ist; man könnte uns zum Beispiel gar nicht mit Deutschland vergleichen! Deswegen nehmen wir Polen, der uns auf den Ebenen der Mentalität und der Wirtschaft sehr ähnelt, zumal sind sie auch aus der ehemaligen Sowjet Union. Also, dieses Problem ist bein ihnen schon längst gelöst. In dem Warschauer Tierheim, der auf die Kosten des Staats gehalten wird, gibt es ca. 4000 Tiere. Dort sitzen sie nicht ihr Leben lang; jedes Jahr wird genauso viele Tiere adoptiert, wie das Tierheim während des Jahres bekommen hat. Dort, wie in allen zivilisierten Ländern, gibt es so eine Art Tradition, das Tier aus einem Tierheim, und nicht aus einem professionellen Hundeverein zu holen. In solchen Vereinen kann man reinrassige Hunde mit Stammbaum kaufen, aber es ist verboten, das Tier zu Hause zu züchten. Und es gibt auch keine Zoomärkte dort, das wird von den bestimmten Diensten streng kontrolliert. Deswegen kosten die Tiere aus den Hundevereinen sehr viel.Und wenn die Rasse für dich keine Rolle spielt und das Geld ist begrenzt, aber einen Hund möchtest du zu Hause schon haben, kannst du dir einen in einem Tierheim holen. Außerdem gibt es dort die Zoo-Polizei, die sehr gut arbeitet; wenn das Tier misshandelt wurde, vergeht kaum eine Stunde, und der Mensch, der dem Tier etwas angetan hat, bekommt einen Besuch von der Zoo-Polizei. Und wenn er schuldig ist, bekommt er eine Strafe dafür. Aber unsere Polizei hat von der Existenz des Paragraphen „Tiermisshandlung“ anscheinen noch nie gehört.

UK: Die Appel der weltberühmten Tierschützern, unter anderem Brigitte Bardot, haben die Situation irgendwie geändert?

Was können sie, wenn sie von der Ukraine überhaupt keine Ahnung haben? Brigitte Bardot hat neulich gesagt, dass es nur ein Tierheim in der Ukraine gibt! Dabei gibt es noch Tierheim in Gostomel in der Nähe von Kiew, in Jasnogorodka, in Odessa, Lutsk, Lwiw usw. Sie verfügt überhaupt über keine Informationen!

Asia Serpinskaya, die Vorsitzende der Kiewe Stadtgesellschaft für Tierschutz, die Präsidentin des Dachverbands Ukrainischen Tierschutzorganizationen "AZOU".

Der Ursprung: http://nashkiev.ua/zhurnal/lyudi-v-gorode/asya-serpinskaya.html

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