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Foulspiel für König Fussball

dogs - Europas grösstes Hundemagazin | 01.05.2012
Straßenhunde bevölkern seit jeher Städte wie Kiew oder Charkow. Als „Vorbereitung“ auf das europäische Fußballfest wurden viele von ihnen getötet. Aber die Tötungen brachten sogar die Sportler selbst auf den Plan.

Einige Seiten der Mai-Juni Ausgabe von dogs
Titelseite
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Wenn Länder wie die Ukraine den Sport feiern, stören herrenlose Straßentiere den erhofften Glanz. Nicht nur in Kiew mussten sie verschwinden. Wie, war im Grunde egal.

Über die Kehrseite der Medaillen
WLADIMIR KLITSCHKO,
Boxweltmeister

„Es ist kein Geheimnis, dass die Tiere sehr inhuman getötet werden. Eine Gesellschaft, die so zu Tieren ist, ist auch so zu Kindern“

Text: Kate Kitchenham

Der Profiboxer, der in der Ukraine geboren wurde, vor der Unabhängigkeitssäule in Kiew. Mit einer Videobotschaft wandte sich Klitschko an die Behörden und appellierte für ein Ende der Hundetötungen.

Am 9. Juni geht es los. Die deutsche Fußballnationalmannschaft wird ihr Debüt in der westukrainischen Stadt Lemberg geben. Gegen Portugal. Doch zum Feiern ist kaum einem Tierfreund zumute. Nachdem die Ukraine neben Polen zum Gastgeberland der Europameisterschaft 2012 gewählt wurde, hat in dem Land eine Hetzjagd auf herrenlose Hunde stattgefunden. Sie ist an Grausamkeit schwer zu überbieten. Die Organisatoren wollen den Gästen ein sauberes und modernes Land präsentieren.

Vor den Stadien: In Charkow, wo Deutschland am 13. Juni in seinem zweiten EM-Spiel auf Holland treffen wird, ist Armut allgegenwärtig. Doch mit wenig auszukommen haben die Bürger der Ukraine ebenso wie die Straßenhunde gelernt.
„Die rund 250000 herrenlosen Hunde, die in der Ukraine und den EM-Austragungsorten wie Kiew oder Charkow leben, stören dieses Bild", sagt die Botschafterin des Europäischen Tier- und Naturschutzverbands, ETN, Prinzessin Maja von Hohenzollern. Und auch wenn es von offizieller Seite bestritten wird, ist sie sich sicher: Die Verantwortlichen der Kommunen wurden mit einem Kopfgeld entlohnt, „25 Euro für jeden getöteten Hund!". So wird das Töten der Hunde zum lukrativen Geschäft für jeden, der schnelles Geld sucht. „Damit möglichst viel in die eigenen Taschen kommt, töten die Hundefänger kostengünstig durch Vergiften, Erschlagen und Verbrennen", sagt Maja von Hohenzollern und schüttelt den Kopf.

Auch Asya Serpinskaya, die Präsidentin des Dachverbands der ukrainischen Tierschutzvereine, AZOU, und der Kiew Society for the Protection of Animals, KSPA, kennt das Vorgehen der Hundefänger: „Sie tauschten sich im Internet über Gifte aus und verabredeten sich zum Töten." Muss man in so einem Land Fußball spielen?
JESSICA KASTROP,
Sky-Moderatorin & Anelka

„Es soll nicht darum gehen, die Europameisterschaft zu boykottieren, sondern ein für alle friedliches Fußballfest zu ermöglichen“

Die Ukraine hat mit Menschenrechtsproblemen zu kämpfen. Aber man bemüht sich um die Aufnahme in die Europäische Union. Und so ist es vielleicht nicht nur Zufall, dass sich der Veranstalter der Fußball-Europameisterschaft, die Union of European Foot-ball Associations, UEFA, für den Anwärter aus dem Osten als Austragungsnation entschied. Schließlich würde ein fortschrittliches Präsentieren auf internationaler Ebene einer EU-Mitgliedschaft entgegenkommen. Die Regierung hatte Großes vor, um die Fußballwelt gebührend zu empfangen: mit dem Bau von rund dreitausend Kilometer Autobahn und Schnellstraße, mit neuen Eisenbahnstrecken, Flughäfen und rund vierzig neuen Hotels. UEFA-Präsident Michel Platini sah die Entwicklung in der Ukraine im September 2008 positiv. „Das Land ist auf einem guten Weg", lobte er.

Von wegen! Statt goldener Türme und prachtvoller Kathedralen kamen getötete Hunde in die Nachrichten, lange bevor sich in Kiew und drei weiteren ukrainischen Städten der Ball dreht. Denn die Videos mobiler Brennöfen der Doghunter wurden von ukrainischen Tierschützern ins Netz gestellt, als ein Hilferuf an internationale Tierschutzorganisationen wie PETA, den Deutschen Tierschutzbund, Vier Pfoten oder den Europäischen Tier- und Naturschutzverband. PETA-Abgesandte fuhren in die ukrainischen Austragungsorte der EM, machten sich ein Bild und gingen mit ihren Eindrücken an die Öffentlichkeit. ETN-Botschafterin Prinzessin Maja von Hohenzollern organisierte eine Pressekonferenz in Kiew, in der sie über die entsetzte Reaktion des Auslandes auf die Hundemassaker berichtete und eine Petition mit 500 000 Unterschriften aus der ganzen Welt an Regierungsvertreter überreichte. „Fußballfans weltweit mussten vom brutalen Vorgehen gegen Straßenhunde erfahren", sagt PETA-Mitarbeiterin Carola Schmitt. Auch deutsche Spieler wie Miroslav Klose, Toni Kroos und Thomas Müller zeigten sich erschreckt und ließen sich mit ihren eigenen Hunden fotografieren, sie übten in der Bild-Zeitung massive Kritik an den Hundetötungen.
MIROSLAV KLOSE,
Nationalspieler & Aliya

„Diese grauenhafte Tötung darf niemals toleriert werden. Es müssen andere Wege gefunden werden, die Vermehrung zu kontrollieren“

Für stetigen Nachschub an Straßenhunden sorgt der Verkauf von Welpen auf Tiermärkten der Ukraine. Was abends übrigbleibt, wird zurückgelassen.

Auf erste Paukenschläge der Presse folgte ein Medien-Gau, mit dem wohl weder die UEFA noch die Ukrainische Regierung gerechnet hatte: Zeitungen und Fernsehen berichteten wochenlang über das Hundethema, in sozialen Netzwerken gründeten sich Fanseiten wie die Facebook-Page „Stop Killing Dogs - Euro 2012", die bis Mitte Februar dieses Jahres fast 90 000 Mitglieder zählte. Empörte Tierschützer nutzten die Online-Plattform, um zu Kundgebungen in deutschen Großstädten und einem Boykott der EM-Sponsoren McDonald's, Adidas und Coca-Cola sowie zu einem Verzicht auf ihre Produkte aufzurufen. Zeitweise drohte Facebook die Seite aufgrund des Aufrufs zum Protest (gegen seine Kunden?) zu schließen. Durch den wachsenden Druck mussten Regierung und der Veranstalter handeln: Der ukrainische Umweltminister Mykola Zlochevskiy traf sich mit Vertretern von Tierschutzorganisationen wie Naturewatch und Vier Pfoten und versprach Gesetzesänderungen zum Schutz der Straßentiere. In einer Stellungnahme bemühte sich auch die UEFA um Schadensbegrenzung: „Wir haben unseren Einfluss so weit als möglich geltend gemacht, indem wir die ukrainischen Behörden auf die Angelegenheit angesprochen und die Verantwortlichen wiederholt aufgefordert haben, angemessene Maßnahmen zu ergreifen, damit die Würde der Tiere geachtet wird." Zusätzlich seien bereits 2009 über 8000 Euro für Kastrationsprogramme gespendet worden. „Das ist viel zu wenig", kritisiert der Ehrenpräsident des Deutschen Tierschutzbundes, Wolfgang Apel.
NINA HAGEN,
Sängerin

„Ich hoffe, dass sich die ukrainischen Behörden durch die weltweiten Proteste zum ethischen Umgang mit den Straßentieren verpflichten“

„Veranstalter wie Sponsoren können sich mit diesem lächerlichen Betrag nicht aus der Verantwortung stehlen." Mit der Sportmoderatorin Jessica Kastrop besuchte er Mitte Dezember 2011 den stellvertretenden Bürgermeister von Kiew, Oleksandr Mazurchak, und stellte ihm erfolgreiche Projekte zur Populationskontrolle vor.

Tierschützer vor Ort

Bereits seit über zehn Jahren gibt es in der ukrainischen Hafenstadt Odessa ein Tierschutzzentrum, das beispielhaft zeigt, wie die Zahl von Straßentieren mit humanen Mitteln langfristig verringert werden kann (siehe dazu Kasten rechts). „Tatsächlich ist der Bürgermeister spontan in seinen Dienstwagen gestiegen und mit uns zu einer Besichtigung gekommen", erinnert sich der deutsche Tierschützer Wolfgang Apel. Und tatsächlich hat Bürgermeister Mazurchak Ende Februar 2012 einen Vertrag über die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Tierschutzbund unterzeichnet, um die Population der Straßenhunde in der Stadt nach dem Konzept „Fangen, Kastrieren und Freilassen" auf lange Sicht zu reduzieren.

Sinnvoll handeln

Vergiften, Erschießen, Erschlagen, Vergasen sind in der Ukraine an der Tagesordnung. Aber die grausamen Maßnahmen zur Eindämmung der Straßentierpopulation haben nicht mal Erfolg

Die Welthandelsorganisation und die Welttierschutzorganisation WSPA haben in einer statistischen Erhebung festgestellt, dass das Töten von Straßentieren zu keinem Erfolg führt. Die Zahlen der jährlich getöteten herrenlosen Hunde und Katzen bleiben ebenso wie die Tollwutfälle unter Menschen konstant. Der Grund: In die „frei werdenden Plätze" rücken sofort wieder andere Tiere nach. Das wirkungsvolle Konzept zur Eindämmung der Population von streunenden Hunden lautet stattdessen:

CATCH! Die Tiere werden von Hundefängern mit humanen Methoden eingefangen, zu einem Tierschutzzentrum oder Tierarzt gebracht.

NEUTER! In den Tierheimen werden sie von Tierärzten nach neuesten veterinärmedizinischen Methoden kastriert und gegen Tollwut geimpft. Danach werden sie durch ein Halsband als behandeltes Tier kenntlich gemacht.

RELEASE! Die kastrierten Hunde werden so schnell wie möglich genau in der Gegend wieder freigelassen, aus der sie stammen. Dadurch kommen sie in ihre vertraute Umgebung zurück, in der sie ihren angestammten Platz mit Zugang zu Ressourcen wie Wasser, Futter und Schlafplätzen wieder einnehmen können.

An Morgen denken

Tierschutzorganisationen sind sich einig: Die folgenden Maßnahmen könnten die Zahl der Straßenhunde weltweit eindämmen:

GESETZE SCHAFFEN
Damit Programme wie „Catch, Neuter & Release" auch funktionieren, müssen die Kommunen einem sofortigen Tötungsstopp und Gesetzesänderungen zur Strafverfolgung von Tierquälem vertraglich zustimmen. „Das erfordert ein großes Verhandlungsgeschick von uns Tierschützern, aber ohne diese Zusammenarbeit mit dem Ziel von verbindlichen Regelungen macht Engagement im Ausland langfristig keinen Sinn", so Wolfgang Apel, Ehrenpräsident des Deutschen Tierschutzbundes.

FAKTEN SCHAFFEN
Damit der Erfolg deutlich wird, muss die Kastrationsaktion unbedingt durch eine statistische Dokumentation begleitet werden. „Nur wenn deutlich wird, dass die Zahl der herrenlosen Hunde tatsächlich kleiner geworden ist, sind die Politiker auch bereit, die Arbeit der Tierschützer weiter zu unterstützen", erklärt Apel.

DIE MENSCHEN ERREICHEN
Mit dem Programm „Pet Respect" möchte die Welttierschutzorganisation WSPA in den Ländern mit Straßenhundproblem bei Kindern Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein für die Tiere fördern und geht dafür in die Schulklassen. Zusätzlich sollen die Menschen durch Informationskampagnen über den Hintergrund der Aktion aufgeklärt werden.

KOSTENLOS KASTRIEREN
Doch selbst wenn Straßenhunde in größerer Zahl kastriert werden, kommt es weiterhin oft zu Nachwuchs. „Das Problem sind die Hunde der Privatbesitzer", meint Wolfgang Apel. „Sie vermehren sich unkontrolliert, die Hündinnen dürfen im Haus bleiben, die Welpen werden sich selbst überlassen." Zusätzlich sorgen Tiermärkte in Ländern wie der Ukraine für einen regelmäßigen Nachschub an Straßentieren. „Wenn wir langfristig Erfolge erzielen wollen, muss den Menschen für ihre Hunde Kastration kostenlos angeboten werden."

Zumindest in Kiew konnte die Tierschützerin Asya Serpinskaya davon etwas spüren: „Hunde und Katzen werden in Kiew jetzt nicht mehr von den Behörden getötet, aber im Rest der Ukraine machen die Kommunen weiter." Tierschützer wollen es nicht bei kleinen Erfolgen und großen Versprechen der Politiker belassen, sie machen weiter Druck und kämpfen vor Ort. Ihre Sorge ist groß, dass das Leid der Hunde nach der EM außer Sicht gerät und vergessen wird.

In der Ukraine kann das Problem langfristig nur durch eine Änderung des Tierschutzgesetzes gelöst werden, meint Asya Serpinskaya: „In Paragraf 24 heißt es, dass jedes herrenlose Tier, das auf der Straße lebt, gefangen werden muss. Weil in der Ukraine aber kaum Tierheime existieren, werden die Tiere getötet." Sie fordert daher, diesen Paragrafen zu streichen. „Gesunde, kastrierte Hunde sollen auf der Straße leben dürfen, kranke Tiere müssen in gut geführten Tierheimen mit viel Auslauf ein Zuhause finden. Gleichzeitig muss von staatlicher Seite aus alles getan werden, damit sich Hunde nicht weiter vermehren."

Dazu gehört für die Mathematikprofessorin neben Kastrationsprogrammen das Verbot, Hunde auf Märkten oder in Zoohandlungen zu verkaufen. „Besonders die Tiermärkte sind grausam. Dort sitzen Händler, die Welpen aus Kartons heraus verkaufen. Tiere, die sie tagsüber nicht verkauft haben, werden abends einfach auf der Straße zurückgelassen, denn es wäre teurer, sie bis zum nächsten Markttag weiterzufüttern." Sie sorgen damit für die regelmäßige Extraportion Hundeelend auf den Straßen.

Fernsehmoderatorin Jessica Kastrop hat bei ihrem Besuch mit dem Deutschen Tierschutzbund in der Ukraine die tiefe Kluft zwischen Reichen und Armen erschüttert: „Die Oberschicht fährt den edlen Rassehund im Bentley durch die Stadt, während drei Meter daneben die Oma und der Straßenhund im selben Müll nach Essen suchen." Dabei läuft die Koexistenz zwischen Mensch und Tier in der Ukraine weitgehend problemlos. Wolfgang Apel rührt dabei vor allem die oft enge Beziehung der mittellosen Menschen zu den Hunden: „Die sind für diese Menschen Dorfmitbewohner, die geschätzt und gefüttert werden. Es gibt einige grausame Hundehasser, aber die Mehrzahl der Ukrainer liebt ihre Tiere", weiß er aus langjähriger Arbeit im Land.

Gleiches Leid in Baku

Die Greueltaten an Straßentieren in der Ukraine sind derzeit kein Einzelfall. Auch aus der Stadt Baku in Aserbaidschan, das in diesem Jahr den Eurovision Song Contest präsentiert, melden Menschen- und Tierrechtler Verletzungen der Schutzgesetze. Amnesty International weist auf seiner Website darauf hin, dass friedliche oppositionelle Politiker in Aserbaidschan inhaftiert wurden, weil sie sich kritisch über die Regierung geäußert hatten. Während wir in Deutschland unseren neuen Star für Baku gesucht haben, sollen auf den Straßen der Stadt laut Angaben des ETN herrenlose Hunde brutal beseitigt worden sein.

„Die Methoden sind dabei ähnlich wie in der Ukraine, es wird auch von Massentötungen berichtet", so die ETN-Botschafterin Maja von Hohenzollern. Damit verstößt die Regierung gegen die Europäische Konvention zum Schutz von Haustieren, die 2003 auch von Aserbaidschan unterzeichnet wurde. Es bleibt zu hoffen, dass verantwortliche Veranstalter aus diesen Erfahrungen Schlüsse für künftige Vergaben ziehen. Die Welttierschutzorganisation, WSPA, hat genau dies in einem Schreiben an die Fußballorganisation UEFA von Michel Platini nachgefragt. Sie schlägt vor, die Vergabe künftig an Richtlinien zu koppeln, die verhindern sollen, dass ein anderes Land sich auf derart unmenschliche Weise auf eine Sportveranstaltung vorbereitet. Kurz vor Weihnachten letzten Jahres erhielt die WSPA eine vage Antwort. Die UEFA werde „ihren Einfluss erneut nutzen, falls bei zukünftigen Meisterschaften vergleichbare Situationen zu beobachten seien".

Einen Monat hat der ukrainische Umweltminister Mykola Zlochevskiy jetzt noch Zeit, seine Absichtsbekundungen, die er gegenüber den Tierschützern gegeben hat, zu realisieren. Dann laufen „unsere Jungs" in die schicken, renovierten Sportarenen der Ukraine ein. Hoffentlich mit modernen Gesetzen im Rücken, die auch das Fair Play für die herrenlosen Straßenhunde draußen vor den Stadien garantieren.
THOMAS MULLER,
Nationalspieler, mit Ehefrau Lisa & Labrador Micky

„Hunde sind wunderbare Lebewesen. Wir hoffen, dass sich die Vernunft und der Respekt vor allen Lebewesen in der Ukraine durchsetzen“

Durch den Druck auf die ukrainische Regierung wurden Gesetze zum Schutz der Tiere auf den Weg gebracht, die sich jetzt bewähren müssen.
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